Mit leichtem Gepäck nach Hause
Wir werden von einem lauten Iiiaaahh von Gardi-Ane geweckt, dem hier sichtlich die Unruhe zu groß ist. Wir haben wenig geschlafen, da bis spät in die Nacht noch neue Wanderer angekommen sind, die sich ohne Rücksicht auf die bereits schlafenden Wanderer, geräuschvoll ihren Biwakplatz eingerichtet haben. Selbige sind dann früh morgens, noch im Dunkeln, mit ebensoviel Tamtam wieder los. Dementsprechend gerädert schlüpfen wir aus unseren Schlafsäcken. Burgi geht es etwas besser, das Frühstück möchte sie jedoch noch ausfallen lassen. So versorgen Lucia und ich unseren Esel und gehen dann ins Refuge zum frühstücken. Ich mache wir etwas Sorgen, da die Strecke bis nach Hause selbst in ganz gesundem Zustand kaum zu schaffen ist. Burgi ist dies jedoch noch nicht und zudem hängt uns allen die kurze Nacht in den Knochen. Was tun? Noch einmal unterwegs übernachten? (Noch eine Nacht direkt am Refuge schließe ich aus. Jetzt in der Hochsaison ist am Biwakplatz für eine erholsame Nacht einfach zu viel los.) Oder, mit der Wirtin sprechen, ob es möglich ist Gepäck hier zu lagern, um es dann später mit dem Auto abzuholen? Dies hätte den Vorteil, dass ich nur einen leichten Rucksack und Gardi-Ane ebenfalls kaum Gepäck tragen müsste. Burgi, oder auch mal beide Mädels, könnten so auf ihm reiten. Mit Beendigung des Frühstücks und nach kurzem Gespräch mit der Wirtin ist meine Entscheidung gefallen: Das allermeiste Gepäck bleibt hier, wir werden nur eine Wanderer-Brotzeit vom Refuge, einen Poncho mit Decke und die Notfallausrüstung mitnehmen. Wir gehen, bzw. reiten nach Hause. Etwas mulmig ist mir schon zumute, da wir so nicht mehr flexibel auf Überraschungen reagieren können, und definitv unser Zuhause erreichen müssen.
Burgi und Lucia sind aber begeistert von meiner Idee, so dass ich mich von ihrem Enthusiasmus anstecken lasse. Wir verpacken unsere Sachen wie gewohnt in den Säcken, verstauen diese in der Garage der netten Wirtin und legen Gardi-Ane den Packsattel auf. Burgi darf aufsitzen und wir machen uns auf den, uns bereits von ersten und zweiten Tag der Tour, bekannten Weg. Wir wandern erst einmal den Steilhang im lichten Kiefernwald hinab. Ohne Gepäck, und damit wesentlich schmäler, meistern wir die Passage ganz gut. Für die Reiterin ist sie dennoch eine erste Herausforderung, da es so steil ist. Unten angekommen erfrischen wir uns erst einmal im kühlen Bergbach. Gardi-Ane scheint sich an den Weg zu erinnern, denn er folgt uns ohne Zögern durch das Wasser. Danach geht es, weniger steil, nun stetig bergauf. Kurz darauf treffen wir auf Waldarbeiter mit Freischneider und Motorsäge. Die drei Männer sind doch tatsächlich gerade dabei den Weg vom Windwurf freizulegen! Wir sind genau zur rechten Zeit hier, müssen nur noch einem letzten Baumstamm ausweichen. Welch Glück! Das hat uns viel Kraft und Zeit gespart. So erreichen wir bereits viel schneller als gedacht unseren Schlafplatz der 1. Nacht. Da wir die nächste Etappe wieder auf der, in dieser Richtung nun leicht ansteigenden, Piste bis zum Refuge Al Faig wandern werden, darf Lucia nun zusammen mit Burgi reiten. Gardi-Ane marschiert kräftig voran, so das ich etwas zurückbleibe und erstmals ganz allein den Weg durch die uralten Haselnusssträucher und dann im lichten Buchenwald genieße.

Es ist Mittagszeit, als wir am Riuferrer, dem Bach unterhalb des Refuge Al Faig ankommen. Wir führen unseren Esel durchs Wasser, lassen ihn dann grasen und nehmen selbst erst einmal ein Bad im kühlen Bach. Auch Burgi hat mittlerweile wieder etwas Hunger, so dass wir drei uns die Brotzeit teilen. Erst jetzt merke ich, dass ich dringend eine Pause brauche. Nach ausgiebiger Rast machen wir uns wieder auf den Weg. Burgi wird reiten, Lucia erst einmal wieder laufen, da der Weg nun erneut schmal und steil wird. Unser nächstes Etappenziel ist das Refuge La Devesa. Wir hoffen, dass wir, von dieser Seite kommend, nun nicht erneut nach dem Weg suchen müssen. Auch hier kommen wir wieder gut voran und finden mühelos den direkten Weg, der kurz vor La Devesa steil bergauf führt. Lucia ist mit Lina etwas voraus gelaufen. Gardi-Ane ist ebenfalls flott unterwegs und lässt sich kaum bremsen. Da ich nicht mehr mit ihm Schritt halten kann, lasse ich in los und rufe Lucia zu, sie solle ihn oben abfangen. Auch Burgi hat von oben Mühe ihn zu bremsen. Ich erreiche etwas später mit letzter Kraft, zwei erschrockene Mädels und einen aufgeregten Esel: genau hinter der Kuppe, für uns nicht sichtbar, lagert eine große Pferdeherde. Der Leithengst hat sich bereits in unsere Richtung in Bewegung gesetzt und die ganze Herde beginnt ihm zu folgen. Schnell nehme ich Gardi-Ane am Halfter, lotse die Mädels mit ihren Wanderstöcken auch zwischen die Herde und unseren Esel und schreite unseren Weg entschieden weiter. Die Herde kommt interessiert ganz nah am uns heran. Wir können uns aber wieder entspannen, da auch der Hengst einen respektvollen Abstand hält. Allerdings müssen wir Gardi-Ane überzeugen, dass er mit uns weiter geht. So gelangen wir kurze Zeit später nach La Devesa. Dort werden wir mit lautem Gebell empfangen. Es ist Freitag Nachmittag und eine kleine Gruppe Katalanen hat sich hier, scheinbar fürs Wochenende, mit viel Bier eingerichtet. Wir setzten uns etwas abseits, um uns auszuruhen.
Ab jetzt befinden wir wir uns quasi auf der Zielgeraden. Es sind zwar noch knapp 4 Stunden nach Hause, wir wissen jedoch, dass der Weg zumeist bergab führt. In freudiger Erwartung auf unser Zuhause machen wir uns auf den Weg. Beide Mädels können wieder reiten. Für mich werden es zähe Stunden. Mit tut mittlerweile alles weh. Schweigsam meistern wir jedoch die Strecke bis oberhalb unseres Grundstückes. Von hier ist es noch eine dreiviertel Stunde. Scheinbar haben die Mädels gemerkt, dass ich Mühe habe weiter zu gehen. Beide steigen vom Esel ab und fordern mich auf, das letzte Stück zu reiten. Da Burgi sich nun scheinbar wieder ganz erholt hat, nehme ich dankbar an. Welch Freude und Erleichterung nach so vielen Kilometern zu Fuß zu reiten! Unglaublich schnell erreichen wir so unser Zuhause. Und welch Koinzidenz: auch Robert und Ludwig kommen nur wenig später bei uns zu Hause an. So sind wir endlich wieder vereint und haben uns nun viel zu erzählen!
K.M.

