Kann es denn ein Problem sein, einem Meister und dessen Lehre zu folgen? Was kann es bringen? Kann ich mich überhaupt richtig entwickeln, wenn ich keiner Meister-Lehre folge? Was ist überhaupt ein Meister und was ist eine Lehre? Über dergleichen Fragen wollen wir in diesem Beitrag räsonieren.
Erste Erfahrungen
Ich durchlebte eine veritable Pubertäts- und Adoleszenz-Krise. Am Beginn meines selbstständigen Denkens stellte ich mir die Fragen: Was ist normal? Was ist ein Mensch? Und: Was ist ein Mann? Antworten fand ich in der Verhaltensforschung. Insbesondere die Bücher von Desmond Morris waren für mich sehr erhellend. Der Einstieg in ein intensives, fast tägliches Karate-Training mit 16 Jahren brachte weitere, tiefer gehende Fragen hervor. Ich kann heute immer noch sagen, einer meiner damaligen Trainer, Manfred Gilhuber Sensei, brachte mich in Richtung meines Weges. Mein ewiger Dank an ihn! Er brachte Karate und Meditation zusammen. Zum Einen, ‚meditari‘, lateinisch, ‚zur Mitte kommen‘. Zum Anderen ‚personare‘, lateinisch, ‚hindurch tönen‘. Beides wurde zu einer Tiefen-Erfahrung. Äußeres Verhalten und innere Persönlichkeit sollten einen Bezug zueinander haben, das ist wahre Authentizität. Damit war das Tor des Weges offen!
Auf der Weg-Suche
Ich glaubte, jetzt verstanden zu haben, was ‚Do‘ in Karate-Do bedeutet. Nicht nur eine Kampfkunst-Art, sondern ein ‚Weg der Selbst-Findung‘ mittels Kampfkunst. In meinen Zwanziger Jahren, den späten 80ern, durchpflügte ich wild Literatur über Psychologie, Philosophie, Esoterik, besuchte Seminare in vielerlei Kreisen, zu europäischem und amerikanischen Schamanentum, New Age, Zen-Buddhismus, et cetera. Das waren alles interessante Erfahrungen, es brachte mir aber keinen Zusammenhang. Verschiedene Richtungen, jeweils auf verschiedenen Stufen. Das bringt nichts, außer ständig neue Erfahrungen – Breite, statt Tiefe.
Kennen oder Können?
Der Reiz des Neuen verführt einen, ständig in die Breite zu wechseln. Es genügt, etwas kennengelernt zu haben. Ich erkannte aber: du musst da bleiben, wo du am Meisten bereits kannst! Dort, wo es dazu tendiert, langweilig zu werden, da lauert die Tiefe. Du brauchst eine Lehre, die dir den sicheren Weg über Stufen zeigt. – Für mich also Kampfkunst. Shotokan Karate hatte damals die Tendenz zur Äußerlichkeit mit der Betonung auf den Wettkampf-Aspekt. Mit meinem Verlangen nach Innerlichkeit wurde ich zum Aiki-Do geleitet, wo Wetteifern grundsätzlich ausgeschlossen ist. Aikido folgt höchsten ethischen Ansprüchen und wird als mystische Kampfkunst tituliert. Und sie ist dennoch a-religiös. Das ist es. Jetzt muss man nur noch jemanden finden, der sich damit auskennt. Und das möglichst unverfälscht, nahe am Ursprung. Der Begründer, Ueshiba Morihei, war leider schon tot. Letztendlich wurde es mir ermöglicht, Saito Morihiro Sensei am Ursprungs-Ort in Japan über 13 Jahre zu folgen. Die verfügbar reinste Lehre – keine ego-orientierten Interpretation. Die Begegnung mit einem echten Meister, an der Quelle. Üben, üben, üben. Aber der Schlüssel zu den inneren Geheimnissen fehlte dem Verstand. Die Sprache war das Problem. Nicht nur das Japanisch, nein, die Worte und Begriffe des Begründers. Die Sprache der Mystik ist das Problem, auch für die Japaner. Mein Schluss: Mystik ist kosmisch orientiert und hat daher auf der ganzen Welt die gleiche Perspektive. (Mit Magie ist es anders). Nach intensiver Forschung und Prüfung hatte ich 1995 die für mich perfekte Kombination gefunden: Aikido und AMORC. Eine sehr umfangreiche, abendländische aber über-religiöse Weisheitslehre, welche mir ein Verständnis der Worte und der Symbolik des Aikido-Begründers vermitteln konnte. Bis heute habe ich keine Widersprüche gefunden. Nach Saito Sensei’s Tod habe ich noch unter vielen Meistern gelernt. Ich danke allen für ihre Interpretationen und den Einsichten, die sie mir vermittelt haben.
Der wahre Meister spricht
Meister kann derjenige genannt werden, der es in einem Bereich zur Kunst-Fertigkeit gebracht hat und diese auch unter schwierigsten Bedingungen ausüben kann. Es gibt viele Meister, in allen möglichen Bereichen, mehr oder weniger weit vom jeweiligen Ursprung entfernt. Von allen kann man etwas lernen. Nämlich, wie sie es zur Meisterschaft gebracht haben. Echte Meister sind frei von einer Ego-Bezogenheit und führen einen auf den individuell-persönlichen Weg. Damit machen sie sich irgendwann überflüssig. Echte Meister sind Meister im Dienen! Ihre höchste Lehre zielt darauf ab, dass jeder selbst ein Meister seines eigenen Lebens werde. Es bedarf dann des Meisters nicht mehr. Dessen Worte aber klingen noch lange nach. Man hört in sich seine Stimme, zitiert ihn oft im Äußeren: „Meister Soundso hat gesagt,…“. Jetzt gilt es, dem nicht anzuhaften als immerwährende äußere Autorität, sondern wagemutig den eigenen Weg zu beschreiten. Da lernt man nun einer neuen, anfangs sehr leisen Stimme zu lauschen: Es ist der innere Meister, der wahre Meister. Wer ist das? Das bin ich selbst, nicht mein Ego, mein Verstand, sondern mein wahres Selbst. Ich werde zu dem, der ich immer schon gewesen bin! Das ist die vollkommene, riskante Freiheit! Niemand mehr außer mir, dem ich positive oder negative Zuweisungen machen kann… All-Eins.
Fazit
Ohne Lehre ist Alles Nichts. Den größten Teil des Weges ist ein solides, originäres Lehr-System sehr hilfreich und bietet, bei guter Wahl, Sicherheit und Orientierung. Dann braucht es noch einen guten Mittler, einen echten Meister. Dieser muss frei sein von Ego-Interessen, denn sonst behält er dich auf seinem Weg. Das ist aber okay, wenn du auch Ego-Interessen verfolgst. Dann kommt es jedoch häufig zu bösen Trennungen, denn du kannst (und darfst) nie so gut werden, wie dein Lehr-Meister, schon gar nicht besser. Das ist zwar auch logisch, denn du gehst nicht deinen Weg, sondern den deines Lehrers. Suche also besser ohne Ego-Interessen einen Lehr-Meister ohne Ego-Interessen. Das ist gerade anfangs nicht leicht möglich. Es ist wie mit der Partner-Wahl. Bist du frei, jederzeit zu gehen, binde dich. Lausche immer in dich, höre auf die unbekannte Stimme in dir. Es ist dein Innerer Meister – der Wahre Meister. Und:

