Was zählt eigentlich?

Sehr viele Menschen und Familien suchen Anschluss an eine Gemeinschaft. Man stellt zunehmend fest, dass ohne konkrete Gemeinschaft eine gesunde Entwicklung der Kinder und eine positive Entfaltung der Persönlichkeit eines Erwachsenen nicht möglich ist. Man kann aber auch festhalten, dass der moderne, gebildete (besser: verbildete) Mensch so stark in der Vereinzelung gefangen ist, dass die Gemeinschaftsfähigkeit oft nicht mehr gegeben ist. Da steht ein selbstbewusstes Ich zwischen den Rollenbildern eines traditionellen Familien-/Gesellschaftssystems (Blutsverwandtschaft) und dem für sich selbst noch nicht klar definierbaren neuen Gemeinschaftsbild, das auf Geistes-Verwandtschaft basieren soll. Es entsteht ein Spannungsfeld durch die gleichzeitige Befreiung aus dem schicksalsbestimmten Hineingeboren-Sein in die alten Strukturen, und dem Sich-Freiwillig-Hineinbegebenwollen in neue Strukturen, die von bedingungsloser Liebe und Weisheit erfüllt sein sollen. Was macht der moderne Verstandes-Mensch der ‚Dritten Dimension‘? Er zieht Bücher und (Online-)Experten zum Thema ‚Neue Gemeinschaftsbildung‘ zu Rate. Nun ist es aber bei Experten oft so, dass diese zwar wertvolle Tipps geben können und mitunter sogar ganze Konzepte haben, jedoch selten selbst in diesen Strukturen wirklich leben, sich dem selbst nicht aussetzen. Die Theorie ist gut, aber in der Praxis erweist sich, dass die meisten Menschen wohl gar nicht reif für die Bildung einer ‚höheren‘ Gemeinschaft sind. Das ist nur logisch. Es ist die Hybris (Selbstüberschätzung) der Dritten Dimension, traditionelle Gemeinschaft der Zweiten Dimension (Familie, Nation, Sekte) als „niedrig“ anzusehen. Von einer idealisierten höheren Gemeinschaftsordnung hat man gleichzeitig (noch) keine Ahnung, ist sie doch der Vierten Dimension zugeordnet. Und die Dritte kann die Vierte nicht erkennen, da sie selbst ja auch niedriger ist, nur eben eines höher, als die Zweite.

Nun, wer ‚wissend‘ ist, hat gehört, dass der Aufstieg in die Fünfte Dimension kurz bevorsteht! Problem gelöst: (das) Ich steige einfach gleich in die Fünfte Dimension auf und das „Goldene Zeitalter“ ist da! Kein ‚Tal der Tränen‘, keine ‚Dunkle Nacht der Sinne‘, durch die man leidend sich läuternd hindurch müsste. Sehr bequem, aber nicht real. Verblendend und verführerisch widerspricht dies doch allen Erfahrungsberichten der Weisen, Heiligen und Eingeweihten der letzten Jahrtausende. Massenweise ‚followern‘ die Menschen dieser Botschaft, diesem, wie ich meine, falschem, aber attraktiven Versprechen. Das macht die Botschafter in jedem Fall wirtschaftlich sehr erfolgreich, in der Dritten Dimension, mit Coaching, Mentoring, Channeling!

Doch zurück zum Bedürfnis nach Gemeinschaft. Halten wir doch Innenschau und folgen dem Spruch, der über dem Eingang des Tempels zu Delphi geschrieben stand: „Erkenne dich selbst!“

Da sehe ich, dass ich das Alte hinter mir lassen möchte und mich Neuem, Höherem öffnen möchte – mein inneres Sehnen. Meine Seele möchte durch alle Erfahrungsebenen hindurchgehen, nichts überspringen. Aber, auch nichts zurücklassen, missen. Und so kann es eine weise Entscheidung sein, das Alte, bereits Erfahrene zu integrieren, das heißt, daraus zu lernen, bewährte Muster in deren Kern zu behalten. Das Erste, was dann passiert ist, dass man sich der Kritik der ’spirituellen Gemeinde‘ ausgesetzt sieht, wie rückständig man doch ist, mit seinen Vorstellungen und Überzeugungen. Jedoch, die sich als spirituell bezeichnenden Menschen unterliegen oft der „Prä-/Trans- Verwechslung“. Am Allermeisten die ‚woken‘ Zeitgenossen greifen unsere, in ihren Augen vor-modernen, Vorstellungen an. Doch sie selbst sind dem pseudo-spirituellen Blendwerk einer Vierten Dimension auf den Leim gegangen, dünken sich, höher zu stehen und doch urteilen sie, was eindeutig ein Merkmal der Zweiten Dimension ist! Man kann das als ’spirituellen Dünkel‘ bezeichnen, weil er stark drittdimesionsl gefärbt ist. Gerade sie zerstören, wonach auch sie sich so sehr sehnen – höhere Gemeinschaft – und sind somit ‚toxisch‘ in jedem Gemeinschaftsbildungsprozess.

Wenn wir dann unsere (Seelen)Erfahrungen früher durchlaufener Dimensionen mitnehmen, also transzendieren (durchschreiten und erhöhen) wollen, fragen wir uns am besten, was gesund, was natürlich ist. Was ist nun ’natürlich‘ in Bezug auf Gemeinschaft? Da dürfen wir wohl nicht auf den modernen, industriell-urban erzogenen Menschen der Dritten Dimension in und um uns schauen. Die Entwicklung der letzten 150 Jahre hat doch zur Auflösung von Volks-, Familien-, Ehe-Gemeinschaft geführt und diesen nun erlebten Mangel an Gemeinschaftlichkeit herbeigeführt. Wir sollten also nicht diesen Persönlichkeitsanteil, der allein den Individualismus fördert, betrachten. Wenn man etwas ergründen will, muss man sich zum Ursprung, zum Ursprünglichen hinwenden.

Nun, der soziale Mensch ist ursprünglich kein Stadt-Mensch, sondern ein Land-Mensch. Ja, der Landmensch, über den wir heute gerne die Nase rümpfen, weil tendenziell weniger gebildet. Aber – er ist nicht unwissend! Dies vielleicht nicht so sehr im intellektuell-wissenschaftlichem Sinne. Jedoch natur-instinktiv mitunter sogar weise! Es ist eine naturgegebene Kenntnis dessen, was es braucht im Zusammenleben in der Natur, wie und wann es gilt zusammenzuhalten. Aktuell, zum Beispiel, bei Naturkatastrophen. Da wartet der Stadt- und Siedlungsmensch noch auf Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr, der Landmensch hat sich bereits selbstverantwortlich und direkt nachbarschaftlich geholfen. Der überkommene ‚Anstand‘ gebietet dies. Was ist nun der Transzendenz, also der Herübernahme in neue Dimensionen nützlich und wert? Ich glaube, kaum einer will heute noch oder wieder der starren sozialen Kontrolle durch Stammtisch (Urteil) und Kirche (Moral) ausgesetzt sein. Doch werfen wir mal einen Blick darauf, wie man da hineinkommt, wenn nicht hineingeboren, sondern zum Beispiel umgezogen. Und da meine ich, weit ins Land hinaus, wo es noch wenig vom urbanen Zeitgeist beeinflusste, traditionell-bäuerliche Strukturen gibt. Da wird man erst einmal argwöhnisch beäugt. Da muss man sich zeigen, wie man so ist, vielleicht auf einem Feuerwehrfest. Es wird sogar erwartet, dass man zuerst grüßt. Man bewegt sich ja tatsächlich auf fremden Land. Wenn man jetzt „selbstbewusst“ mit eigentlich „selbstverständlichen“ Anfragen kommt, ist man schon unten durch. „Der will was von einem“, so heisst es dann. Man wird fortan gemieden. Distanziertheit weicht der Neugier. Die ‚Spezialisten‘ treten nun auf den Plan, ‚gestandene Leute‘ oder Amt- und Würdenträger mit Autorität. Sie bedeuten einem, durch die Blume, dass solcherlei Verhalten nicht anginge. Vielleicht wird auch der ein oder andere private Aspekt einer (amtlichen) Prüfung unterzogen. Die Aufnahme in die ‚Gemeinschaft‘ ist also schiefgelaufen. Man ist daher von Anfang an gut beraten, sich zu überlegen, zu beobachten, was und wie man etwas einbringen kann, zum bedingungslosen Nutzen der Einheimischen. Eine echte Gemeinschaft bildet sich also dadurch, dass jeder bedingungslos etwas Essentielles einbringt! Nachbarschaftshilfe auf Gegenseitigkeit ist dagegen nur eine Kooperation, ‚Hand gegen Hand‘, und begründet allenfalls ‚Leistungskonten‘, die irgendwann bilanziert werden. Aber dies ist keine wahre Gemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft, in der in der Not jeder für den anderen einsteht. Anders läuft man Gefahr, dass die freiwillige!Feuerwehr im Katastrophenfall bei einem vorbeifährt…

Dies ist meines Erachtens der ursprüngliche Impuls zur Gemeinschaftsbildung. Und deshalb ist die erste aller Fragen: Was ist mein gebrauchter Wert für die Gemeinschaft und wie kann ich ihn (auch in der Not) bedingungslos einbringen? Unser übliches „was habe ICH denn davon?“, gereicht also keineswegs für eine solide Gemeinschaftsbildung. Auch beim Eintritt in eine höhere Gemeinschaft der Vierten Dimension muss der Mensch der Dritten Dimension sein Selbst, seine werthaltige Leistung bedingungslos hineingeben, gerade so, wie in alten Zeiten der egozentrische Held der Ersten Dimension seine legendäre (Kampf)Kraft bedingungslos (arbeiten statt siegen) in die Sippschaft des Dorfes (Zweite Dimension) einbringen musste, um sich zu transzendieren und der Seele neue Erfahrungshorizonte zu eröffnen. Das Eine geht ins andere und das Eine kommt aus dem anderen. So, wie die Dritte Dimension der Individualität in der Pubertät angefangen hat, sich aus der Zweiten zu transzendieren, so muss sich die Fünfte Dimension der Transpersonalität aus der Vierten herausentwickeln. Man kann Entwicklungsschritte nicht überspringen. Also, hinein ins kollektive Vergnügen und Sich-Erfahren, mit Haut und Haaren!

Bilder: Impressionen von der Tour de Canigou im September 25
