Ein weiter Weg über den Chemin de Fer zum Tour de Batère
Enttäuscht und etwas niedergeschlagen machen wir drei „Mädels“ uns, gemeinsam mit Hund Lina und Esel Gardi-Ane auf den Rückweg zum Refuge l’Estanyol. Da wir den Pfad morgens schon mit der Säge etwas verbreitert haben, fällt uns der Weg jetzt deutlich leichter. Für den überwiegend leicht abfallenden Weg brauchen wir so nur etwa eine Stunde. Die Niederländerin begrüßt uns überrascht, als wir wieder beim Refuge ankommen. Sie ist gerade im Gespräch mit einem Franzosen, der auch hier lebt und regelmäßig Touren macht. Da wir gleich weiter wollen, bleibt Gardi bepackt und wir trinken nur etwas und nutzen die Gelegenheit mit dem Franzosen die Optionen für den weiteren Weg zu besprechen.
Von Nerven aufreibenden Überraschungen haben wir erst einmal genug. So wollen wir definitiv nicht weiter auf dem gleichen Weg zurück zum Refuge La Batère, da wir dort bereits am Vortag auf eine, für unseren Esel kaum zu überwindende Schlucht gestoßen sind. Daher bleibt nur der Abstieg Richtung Valmanya. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, die wir uns auf der Karte ansehen und abwägen. Wir wollen als nächstes zu den alten Minen von la Pinosa, um dann zu sehen wie es für heute weiter gehen soll und welchen Weg wir zum Refuge La Batère nehmen. Wir entscheiden uns für den, wesentlich längeren, aber sicher für den Esel geeigneten Weg über „la piste“ (eine einfache Forststraße) und verabschieden uns erneut vom Refuge l’Estanyol.

Uns ist jetzt etwas leichter ums Herz. Nach den schmalen und kaum passierbaren Wegen der letzten beiden Tage genießen wir die breite Piste. Wir lassen Gardi-Ane frei hinter uns her laufen, so dass er immer wieder stehen bleiben und einige Happen Gras fressen kann, um uns dann schnellen Schrittes wieder zu folgen. Normalerweise meiden wir solche Forststraßen, da diese für die Kids schnell langweilig werden. Für heute ist er jedoch stimmig und wir kommen gut gelaunt voran. Nach einem kleinen, späten Mittagessen am Wegesrand stoßen wir auf ein großes Tor. Ab hier geht es nun auf gleicher Höhe wieder zurück Richtung Massif und zu den Minen von La Pinosa. Zweimal kreuzen wir den kürzeren, aber sehr schmal und steilen Alternativ-Weg. Wir bereuen unsere Entscheidung für die Piste nicht! Jedoch spüren wir mittlerweile unsere müden Beine, da wir nun bereits etliche km auf der Piste unterwegs sind. Bis zu den Minen ist es noch ein gutes Stück und die letzte Etappe führt schließlich wieder steil bergauf.
La Pinosa ist ein beeindruckender und geschichtsträchtiger Ort, auf knapp 1.400m am oberen Ende eines Tales gelegen. Wir laden erst einmal ab, ruhen uns etwas aus und sehen uns das Gelände und die Ruinen der Minengebäude an. Anfang des 19.Jh wurde hier 30 Jahre lang Eisen untertage abgebaut. Zu Zeiten des zweiten Weltkriegs versteckte sich dort dann, lange erfolgreich, die letzte Gruppe der Résistance vor den Nazis. Letztendlich doch entdeckt, wurden alle Wiederständler jedoch getötet und die Nazis brandschatzten zudem das nächstgelegene Berg- und Versorgerdorf Valmanya. Zur Zeit der Eisengewinnung, verrichteten hier Hunderte von Minenarbeiten bereits unvorstellbar harte Arbeit, um dem Berg das begehrte Eisen abzuringen, dass dann bis ins Tal zum Abtransport geschafft werden musste. Hierzu wurde in Handarbeit am steilen Hang eine schmale Eisenbahnlinie „Le chemin de fer“ angelegt, auf der das Eisen bis an die östliche Spitze des Berges verbracht wurde, um von dort mittels einer Seilbahn nach Arles sur Tech hinab gelassen zu werden. Diesen Eisen-Weg (chemin de fer) wollen wir nehmen und hoffen sehr, dass er sich nicht auch für uns zu einem chemin d’infer (Inferno-Weg) entwickelt, wie ihn die Minenarbeiter, wegen der unvorstellbaren Anstrengungen und ihres Leides hier, genannt haben.

Wieder haben wir damit den wesentlich längeren Weg nach la Batére gewählt, da die Mädels nicht mit steilem Anstieg und auf schmalem Pfade über den uns bekannten Col de la Cirera wollen. So beladen wir erneut Gardi-Ane und machen uns wieder auf den Weg vorbei an den, leider verschlossenen, Mineneingängen. Das erste Wegstück geht erst einmal ein gutes Stück steil bergauf und dann bergauf-bergab den Hang entlang. Wir passieren einen kleinen Bach, an dem wir unsere Wasservorräte auffüllen und etwas ausruhen.

Ein eisenbahnfähiger Weg ist immer noch nicht in Sicht. Schließlich sehen wir ein gutes Stück unter uns einen breiten Weg und erreichen kurz darauf den ersten Tunnel. Wir steigen zum Eingang ab, um durch den Tunnel zu gehen. Nach etwas 150 m geht es jedoch nicht weiter, da ein Teil eingestürzt ist. Wir müssen umkehren, und uns einen Weg oben drüber suchen. Wieder eng und steil bergan…….Wir finden diesen jedoch leicht, da alle Wanderer hier ausweichen und dieser dementsprechend ausgetreten ist. Am anderen Ende des Tunnels angekommen, stehen wir endlich auf dem Chemin de fer: Gut angelegt und gerade breit genug für einen kleinen Zug. Es ist ein wundervoller Weg im bewaldeten, teils felsigen Steilhang mit großartigen Ausblicken. Wie die Menschen das in mühevoller Handarbeit geschafft haben, beeindruckt uns sehr. Die folgenden Tunnel sind intakt und so kommen wir gut voran. Gegen 18.00 Uhr stehen wir oberhalb des Col de Palomère. Eigentlich sind wir alle müde und haben Hunger. Jedoch ist kein geeigneter Schlafplatz in Sicht und Burgi möchte unbedingt den Turm von La Batère am Ende des Cemin de fer erreichen und dort übernachten. Noch weitere gut 2 Stunden…… Wir sind bereits mehr als 10 km bergauf, bergab gelaufen und haben so noch etwa 5 km vor uns. Ich bewundere meine Töchter für ihre Ausdauer und Beharrlichkeit und wie sie erneut entschieden losmarschieren. So meistern wir eine enorme Tagesetappe und erreichen schließlich ein grandioses Aussichts-Plateau Richtung Mittelmeer unterhalb des Tour de Batère. Ein großartiger Schlafplatz, der schnell eingerichtet ist. Sogar Gardi-Ane hat keine Zeit zum Fressen. Er blickt unaufhörlich in die Weite, beobachtet die zunehmenden Lichter in den Küstenstädten und beginnt erst, als die Nacht ganz angebrochen ist, sich zu stärken. Auch wir liegen, etwas überanstrengt, noch lange wach und bewundern den großartigen Sternenhimmel und die erhebenden Blicke zum Meer.



