Auf getrennten Wegen weiter
Nun ist es also leider kein gemeinsames Familen-Erlebnis mehr. Da es sich bei unserer Unternehmung auch um eine Recherche-Tour mit Beruf(ung)s-Hintergrund handelt, schien Kerstin und mir diese Entscheidung ‚vernünftig‘. Ludwig und ich haben also den Proviant mit dem weiblichen Teil der Familie geteilt und auch die notwendige Ausrüstung von den Esel-Taschen in unsere Rucksäcke gestopft. Diese sind nun, gefühlt, doppelt so schwer geworden! Vorbei ist’s mit der Gemütlichkeit, – wenn man bei diesen Etappen-Längen überhaupt diesen Begriff verwenden kann.
Schon nach einer guten Stunde erreichen wir das nächste freie Refuge. Auf dem Weg hierher ist der Weg sehr breit angelegt, jedoch erodiert und teilweise verwuchert, sodass nur Wanderer gut durchkommen. Das waren alles mal recht breite Esel-, bzw. Maultier-Wege, aufwändig gebaut, mit Stütz- und Schutzmauern. Jetzt sind sie erodiert und zugewachsen. Es gab allein bis hierher zwei, drei Stellen, die mit unserem Gardi-Ane definitiv nicht passierbar gewesen wären. Gut, dass wir ihn nicht forciert haben, weiter zu marschieren. Da wären wir Gefahr gelaufen, weder vor noch zurück zu kommen – mit den Kindern ein mögliches Drama! Aber, zurück zum gerade erreichten Refuge Le Pinatell: in der Vorab-Recherche hatte ich einen Reisebericht von 2017 gelesen, dass hier Flöhe und Läuse herrschen und sie damals ungeplant zum nächsten Refuge ausweichen mussten. Sie waren, zu ihrem Glück, in der Gegenrichtung unterwegs und waren in einer weiteren Stunde am Refuge l’Estanyol. In unserer Richtung sind es drei Stunden bis zur nächsten Übernachtungsmöglichkeit. Was soll ich sagen? Auch heute (noch) hängt ein Zettel an der Tür, welcher aktuell vor Floh- und Läusebefall warnt! Kaum zu glauben, nach mindestens sechs Jahren hat sich noch keiner dieses Problems angenommen. Andererseits, kein Wunder, so schnell, wie hier alle auf der Route durchmarschieren – Kilometer-Fresser! (Dazu später noch einige Anmerkungen).
Wir öffnen also die Tür des Refuge und treten ein. Ein schöner Raum: eine Stein-Eckbank mit Tisch, ein guter Ofen und ein Stock-Matratzenlager für leicht sechs Personen – unten mit einer total versifften Matratze. Und unterm Tisch liegt ein alter Schlafsack in 256 Grautönen. Wir schmeissen das Zeugs raus, hinter die Hütte. Fertig! Denke, das langjährige Problem der Nicht-Benutzbarkeit sollte bald erledigt sein. Es ist doch unglaublich – so viele Menschen, die hier direkt vorbeikommen und keiner fühlt sich verantwortlich. Den meisten ist es sicherlich schon deshalb egal, weil sie mit schmalem Gepäck von einem bewirtschafteten Berghaus zum nächsten unterwegs sind. Dabei ist es nur eine kleine Unternehmung, das Parasiten-Habitat zu entfernen! Es reicht eben nicht, einen Unternehmer-Geist zu haben, den unzweifelhaft viele besitzen. Sondern, es braucht das, was wir Budo-Geist oder Samurai-Geist nennen. Im Gegensatz zum Unternehmer-Geist, der doch in aller Regel dem eigenen Ego-Interesse dient, zielt letzterer auf das sofortige Abstellen von Missständen ab, was der Allgemeinheit dienlich ist. Friedvolle Krieger oder Ritter sind ursprünglich zum Schutze des Gemein-Gutes und der Menschenleben bestellt worden. In der Wurzel heisst Budo, „das Negative im Keim ersticken“, und dann erst, im übertragenen Sinn, „das Kämpfen anhalten“. Dies sollte von mehr Menschen wieder gelebt werden! Mensch sein, wie Kinder, die von Natur aus altruistisch sind und nicht immer gleich fragen: „Was habe ICH davon?“, „Was kriege ICH dafür?“ – eine materialistische Pervertierung des Begriffes ‚Krieger‚! Dann gäbe es wahrscheinlich keinen Wassermangel bei L’Estanyol und keine Flöhe in Le Pinatell…
Dritter Tag nachmittags. Nach weiteren eineinhalb Stunden merken wir sehr deutlich, dass wir insgesamt schon circa 30 km, circa die Hälfte der Strecke, hinter uns haben. Und an das neue Gewicht unserer Rucksäcke können wir uns auch nicht wirklich gewöhnen. Wir haben die Waldgrenze erreicht und brauchen eine längere Pause. Ein Baum, direkt am Weg, spendet uns Schatten. Die Aussicht ist fantastisch. Wir befinden uns am sogenannten ‚Balkon des Conflent‘. Energie-hungrig kratze ich mit dem Messer das letzte Fett von der Schwarte des Specks, dessen größten Teil Ludwig in den letzten Tagen gegessen hat. Zusammen mit Kerstin’s Vollkorn-Sauerteigbrot ein Gaumenschmaus! Der Vegetarier in mir hat Pause. Bald danach touchiert unser Weg eine Strassen-Biegung und wir sehen ein Grüppchen Wanderer, die bei sengender Hitze im Schatten einiger kleiner Bäume dösen.

Uns stehen jetzt weitere eineinhalb Stunden steiler Aufstieg zum Berghaus Cortalets bevor. Vor lauter Kampfgeist, der die letzten Kräfte mobilisieren soll, übersehen wir hier den Abzweiger zu einem weiteren Refuge, das circa 100 Höhenmeter weiter unten liegen soll und das ich auch gerne gesehen hätte, da die Aufenthalts-Bedingungen in jedem Refuge doch sehr unterschiedlich sind. Aber, besser so.

Mittendrin sind wir plötzlich gezwungen über größere Teile eines Flugzeug-Wracks zu steigen. In den 1940er bis 60er Jahren gab es am Canigou eine Serie von Flugzeugabstürzen. Es gibt am Massiv elektromagnetische Störfelder, welche die Cockpit-Instrumente beeinflussen. Dieser Absturz hier forderte 56 Tote. – Endlich, auf 2150m am Berghaus Cortalets angekommen, erschöpft und durstig, setzen wir uns auf die Terrasse. Schuhe und Socken ausgezogen, Beine hoch und Getränke bestellen. Ich gönne mir/brauche einen ‚katalanischen Energy-Drink‘, eine Karaffe Rotwein. Der Alkohol zischt einfach weg, wirkt wie Jet-Benzin für den Körper. Wir wollen ja noch weiter. Doch jetzt sitzen wir unterm Sonnensegel und bestaunen die eindrucksvolle Erscheinung des Canigou-Gipfels, des heiligen Berges der Katalanen, um den sich hier alles dreht. Und damit meine ich nicht die Wirkung des Weines! Hier von der Nordseite ist er eine mächtige, fast ebenmäßigen Pyramide – echt erfurcht-gebietend, wie ich empfinde. Und doch so greifbar. Von hier aus wären es nur noch gut 600 Höhenmeter, kaum drei Stunden bis zum Gipfel. Die Meisten, die hier vorbeikommen, lassen sich es nicht entgehen, den noch „mit zu nehmen“. Wie respektlos, kommt mir in den Sinn. Ich will ihn (mir) aufheben, zunächst alle dreizehn Zugänge auf dieser Tour erforschen. Und dann, eines Tages, bewusst diesen besonderen Berg würdigen, als wirklichen Höhepunkt dieses Massivs, ihn als letzten der vier 2700er besteigen. Völlig unvermittelt reisst mich ein bizarrer Anblick aus meinem Empfindungs-Schwelgen: ein junges Paar kommt aus dem schütteren Baumbestand mit einem Kanu auf das Berghaus zu! Ein bizarrer Anblick. Habe ich schon zu tief ins Weinglas geschaut? Nein, habe gerade erst angefangen zu kosten. Tatsächlich gibt es hier oben zwei kleine Seen des ehemaligen Canigou-Gletschers. Aber, dass man hier Kanufahren kann?!

Wenig später brechen wir auf, denn jetzt wird es hier zu unruhig. Aus allen Richtungen strömen die Hausgäste herbei und trinken auf der Terasse einen Apéro in der nun tiefer stehenden Sonne, als Einstimmung auf das Abendessen. Bald kommen wir an einem der Seen vorbei, der aber mehr wie eine abgesoffene Wiese aussieht. Da ist wohl das Kanu nicht gefahren… Der weitere Weg zieht sich zwar noch in die Länge, die fast 400 Höhenmeter Abstieg halten die Anstrengung jedoch in Grenzen. Auf gut halber Strecke kommen wir zum dritten Mal auf unserer Tour an einem urtümlichen Refuge vorbei, La Castell. Es ist ein riesiger, iglu-förmiger Steinbau. Ohne Mörtel ist der gut vier Meter breite Rundbau aus grob behauenen Granitsteinen aufgeschichtet. Da der niedrige Eingang eine Holztür hat, können keine Schafe oder Ziegen hinein und daher ist im Innern alles sauber. Es gibt eine Nische mit Abzug zum Feuermachen und auf halber Höhe einige kleine Nischen für’s Kerzenlicht. Und, es erscheint uns regendicht, daher könnte man hier gut übernachten. Es ist aber nur noch eine knappe Stunde bis zu unserem eigentlichen Ziel, dem Refuge Bonne Aigue. Dieses ist ein ebenso sauberes Steinhaus, mit einer atemberaubenden Aussicht, von der Balkonterrasse hinunter auf das Têt-Tal Richtung Andorra und weit hinaus zur langsam untergehenden Sonne. Da es reichlich fließendes Wasser am Brunnen gibt, unterziehe ich mich erstmal einer gründlichen Wäsche. Das tut gut, nach diesem strapaziösen Tag. Wir richten dann unser Biwak etwas oberhalb ein und kochen noch ein kräftiges Abendessen. Dann, ab in den Schlafsack. Gute Nacht!

