Annäherung an den heiligen Berg Kataloniens
Die Tour de Canigou ist eine Höhen-Rundwanderung um den heiligen Berg der Catalanen. Regulär führt die Tour über vier Tages-Etappen mit insgesamt 4500 Höhenmetern und einer Streckenlänge von ca. 65 km. Wir möchten diese Tour ohne Übernachtungs-Aufenthalt in einem der vier an der Strecke befindlichen bewirtschafteten Refuges machen. Geplant ist, im Freien zu biwakieren und bei Wetterverschlechterung in einer der, in der Karte zahlreich eingezeichneten und frei zugänglichen Cabanes, Schutz zu suchen. Wir haben also eine Menge Gepäck und Essen mitzuschleppen, zumal wir für uns die Tour auf fünf Tage veranschlagt haben. Und da die Mädchen ihren Anteil auf keinen Fall tragen können, sind wir froh, dass unser braver Esel Gardi-Ane den Großteil tragen kann.
Und so wollen wir, alle schwer bepackt, früh morgens losgehen. Aber Lucia, unserer Jüngsten, geht es gar nicht gut. Sie hat wohl gestern am Dorf-Pool zuviel Sonne abbekommen?! In dem Zustand kann sie die gut zwei Stunden Anstieg zur Tour auch ohne Gepäck nicht gehen, zumal es die erste Stunde hinter unserem Haus gleich richtig steil losgeht. Spontan planen wir um: Robert fährt mit den Mädchen mit dem Quad bis zum Refuge de Brigadier, auf halber Strecke des Zustiegs. Und Kerstin kommt mit Ludwig und Gardi-Ane zu Fuß mit dem Großteil des Gepäckes nach. Ab da geht es nicht mehr so steil einen Almweg hinauf zum Col d’Estanyol, dem Einstieg zur Tour auf knapp 1700 m. Wir verteilen Gepäck auf uns und Lucia darf reiten.

Am Refuge La Devesa gönnen wir uns eine längere Mittagspause. Die Mädchen wollen sowieso nicht schnell weiter, da uns eine größere Pferde-Herde mit ihren Fohlen einen Besuch abstattet. Auch Gardi-Ane nutzt die Pause, um sich, lang ausgestreckt, zu erholen.

Die weitere Weg-Führung ist unklar, da Kuhherden den ganzen Hang zertreten haben und die Markierung äußerst dürftig ist. Wir steigen insgesamt eine Stunde den verwucherten Hang auf und ab, bis wir schließlich im Wald auf den richtigen Weg stoßen. Schon nach eineinhalb Stunden erreichen wir beim Refuge Al Faig den Riu Ferrer, den es zu überqueren gilt. Die schmale Eisengitter-Brücke wird Gardi-Ane schon mal nicht benutzen, soviel ist schnell klar. Wir laden also alles ab und gönnen uns erst einmal ein kühlendes Bad im reißenden Bach. Zwar kurz, aber sehr erfrischend! Am Ende ist es für Gardi-Ane nur ein vorsichtiges hinein waten und ein mächtiger Sprung zum anderen Ufer. Von hier führt der Weg unsinnigerweise steil 200 Höhenmeter nach oben, um dann nach 2 km 250 Höhenmeter wieder genauso steil wieder nach unten zu führen. Gut, man kommt über die Waldgrenze hinaus und hat dadurch eine schöne Aussicht. Darauf verzichten wir. Wir wählen den alten Forstweg, der sich gemächlich geneigt entlang der beeindruckenden Schlucht schlängelt. Am Col de Ce treffen wir wieder auf den Tour-Weg. Dort, an einer Waldlichtung ist für uns heute Schluss. Am gegenüberliegenden Waldrand richten wir unser Biwak ein, um nicht mit den hier zahlreichen aufgestellten Bienenkästen und deren Bewohnern in Konflikt zu geraten. Für Gardi-Ane baut Kerstin einen kleinen Pferch in dem er sich frei bewegen kann. Das Anpflocken mag er nämlich gar nicht. Mit unserem Allesbrenner-Ofen bereiten wir uns schließlich noch ein schmackhaftes Abendmahl.



Bald danach kuschelt sich jeder in seinen Schlafsack und genießt den aufgehenden Sternenhimmel. Mitten in der Nacht schlägt plötzlich unsere Hündin Lina an, Gardi-Ane fährt ebenfalls gleich von seinem Lager hoch. Auf der Lichtung ist mindestens eine Wildsau erschienen. Die mondlose Nacht ist zu dunkel, um Genaueres zu erkennen. Mit wildem Gegrunze verziehen sich die Tiere wieder in den Wald und streunen dort noch ein Wenig umher. Langsam beruhigt sich dann Tier und Puls wieder. Die Begegnung mit einem Wildschwein ist gar nicht ohne Risiko. Schließlich ist das die einzige wirklich wehrhafte wilde Tierart, mal abgesehen von immer häufiger gesichteten Wölfen und Bären, weiter westlich in den Pyrenäen…
R.M.

