Über den Col de la Cirera zum Refuge l`Estanyol
Wir haben die erste spannende Nacht gemeistert und machen uns, nach einem ausgiebigen Frühstück, gestärkt und neu bepackt wieder auf den Weg. Lucia ist wieder fit und läuft mit leichtem Rucksack fröhlich voraus. Der Weg führt uns zuerst bergab durch einen schönen Buchen-Bergwald. Bald schon treffen wir auf die erste Herausforderung: ein großflächiger Windwurf versperrt uns den Weg. Dieser ist durch die kreuz und quer liegenden Bäume für unseren Esel unpassierbar. Wir müssen uns einen anderen Weg suchen, um diese Stelle zu überqueren. Burgi klettert über die umgefallenen Bäume und folgt weiter dem eigentlichen Weg, um uns am Ende des Windwurfs wieder auf den Weg lotsen zu können. Wir steigen mit Gardi-Ane in den bewaldeten Steilhang und versuchen dort einen Weg zu finden. Immer wieder müssen wir umdrehen, da es nicht weitergeht. Wir landen letztendlich an einer steil abfallenden, scheinbar unpassierbaren Schlucht, finden dann aber, immer Burgis Rufen folgend, einen, auch für Gardi-Ane machbaren Abstieg. Ein kräftezehrenden Start in den zweiten Tag!
Der Weg führt uns, nach dieser Stunde im weglosen Berghang, nun weiter, immer noch leicht bergab, bis wir wieder zu einem kleinen Bachlauf kommen. Gardi-Ane wird immer mutiger und folgt uns fast ohne Zögern durchs Wasser. Wir machen hier eine kurze Pause und erfrischen uns im Bach. Es dauert nich lange und der Weg beginnt nun wieder recht steil berauf zu führen. Der Wald hat sich verändert. Wir wandern im lichten Kiefernwald, in den die Sonne kräftig hinein brennt. Der Weg wird immer steiler und verläuft schließlich in senkrechter Linie den Berg hinauf. Wir merken nun immer deutlicher, dass die ehemals breiten, und Esel-fähigen Bergpfadem, schon lange nicht mehr dafür gepflegt werden. Robert hat mittlerweile die Säge ausgepackt und muss immer wieder Äste und kleine Bäume weg sägen, so dass wir mit unserem bepackten Esel überhaupt weiter kommen. Der Pfad ist stark zugewachsen und bietet gerade mal ein Durchkommen für einen Wanderer. Wir sind alle mittlerweile Schweiß gebadet, motivieren uns aber immer wieder gegenseitig und erreichen so, nach einer gefühlten Ewigkeit, endlich den Biwakplatz des ersten bewirtschafteten Refuges La Batère.

Hier erwartet uns bereits die nächste Überraschung. Beim Erreichen der Zufahrtsstraße zum Refuge kommt eine Herde Schafe aus dem angrenzenden Stallgebäude, behütet von drei Pyrenäen-Berghunden, auch Patou genannt. Diese begleiten und beschützen als autonome Hirtenhunde Schaf- und Ziegenherden auf den Almen der Pyrenäen. Da wir sehr nah an die Herde gekommen sind und zudem selbst einen Hund bei uns haben, kommen alle drei Patous nun auf uns zu, um klar zu machen, dass sie die Herde auf jeden Fall schützen werden. Eine heikle Sutuation! Wir sind sehr froh um unsere Wanderstäbe, mit denen wir die drei stattlichen Hunde auf Distanz halten konnten. Die Hüter „geleiteten“ uns noch bis zum Refuge, um dann wieder ihrer Schafherde zu folgen.
Es ist Zeit für ein Mittagessen und wir entscheiden, bei der netten Wirtin des Refuge Mittag zu essen und eine ausgiebige Rast zu machen. Wir nehmen das Gepäck von Gardi-Ane, so dass er sich auch ausruhen kann und genießen ein reichhaltiges Mittagessen. So gut kann es nur nach der Anstrengung und in den Bergen schmecken! Anschließend machen wir uns auf den weiteren Anstieg. Wir wollen heute Abend das Refuge L’Estanyol erreichen. Dafür müssen wir den Col de la Cirera (1.731m) überqueren. In sengender Sonne machen wir uns an den Anstieg: auf 300 Höhenmeter steil bergauf, ohne jeglichen Schatten passieren wir auch noch die Abraumhalden der Übertage-Eisenerzmienen aus der Römerzeit. Nocheinmal eine Schafherde mit Patou. Diesmal werden wir nur beobachtet. Oben lassen wir uns alle ins Gras fallen und suchen Schatten bei unserem Esel.

Ab jetzt geht es im lichten Wald wieder zumeist bergab. Leider ist auch hier der Weg an vielen Stellen wieder zu eng für unseren Esel mit Gepäck, so dass Robert und Ludwig immer etwas voraus gehen, um diesen mit Säge zu verbreitern. Es ist sehr anstrengend immer darauf zu achten, dass wir mit der Ladung nicht irgendwo hängen bleiben. Zunehmend macht sich auch die Nordseite des Massifs bemerkbar. Es wird felsiger und noch schmäler, erste Blockschutthalden sind zu überqueren und die Bachschluchten werden immer schwieriger zu passieren. Das Tagesziel schon fast vor Augen, scheinen wir genau an einer solchen fast zu scheitern. Es ist so eng, auf der einen Seite der Felshang, auf der anderen der senkrechte Abhang, dass wir das Gepäck, samt Packsattel bis jenseits der Schlucht tragen müssen. Und dann die Anspannung: wird Gardi-Ane ohne Gepäck den felsigen und steilen Bachübergang meisten können? Er zögert lange. Jedoch nach gutem Zureden und etwas Unterstützung durch Ludwig von hinten, klettert, rutsch und springt Gardi-Ane zuletzt über das steinig nasse Hindernis. Wir können tatsächlich auf der andern Schluchtseite wieder aufladen und unseren Weg fortsetzen.
Der letzte Wegabschnitt ist nun wieder etwas leichter. Trotzdem freuen wir uns alle sehr über den Anblick des gepflegten Refuges L’Estanyol. Es gibt einen einfachen und sauberen Schlafraum und einen kleinen Stall. Wir entscheiden uns trotzdem draussen zu schlafen. Gardi-Ane ist begeistert von einem Dach über den Kopf und wählt den Stall. Bevor wir unser Lager herrichten, uns Waschen und Essen können, muss Robert noch einmal los. Es gibt kein Wasser. Auf dem Weg zum nächsten Bach, entdeckt er jedoch, dass die Zuleitung defekt ist, kann diese provisorisch reparieren und wir haben fließendes Wasser direkt vor dem Haus. Auch die noch spät ankommenden Niederländern sind darüber sehr erfreut, da ihnen jeder mitgeteilt hat, es gäbe am Refuge kein Wasser. So kuscheln wir uns nach dem kühlen Nass und einer guten Brotzeit alle in unsere Schlafsäcke und schauen noch lange in den Nachthimmel……



K.M.

